WELTANSCHAUUNG AUF RÄDERN: 7 Jahre mit dem Fahrrad um die Welt!
Im März 1994 verlässt Claude Marthaler auf dem Fahrrad die Schweiz, er will zwei Jahre später in Japan eintreffen. Als einer der ersten Europäer nach der Auflösung der Sowjetunion durchquert er als Einzelreisender die GUS-Staaten; lange durchstreift er die tibetischen Hochebenen, denen seine besondere Liebe gilt. In Japan angekommen lässt ihn das Reisefieber nicht los. Er fliegt nach Alaska, strampelt bis hinauf ans Polarmeer, dann geht es durch den ganzen amerikanischen Doppelkontinent bis nach Feuerland. Von Buenos Aires fliegt er nach Kapstadt, durchquert anschließend Afrika von Süd bis Nord. Im Juni 2001 hat er sich ?sattgeradelt?. Sieben Jahre nach seinem Aufbruch beendet Claude Marthaler die Weltreise, auf der er 122.000 km mit dem Rad zurückgelegt hat.
Im Oktober des vergangenen Jahres präsentierte er im Rahmen des El Mundo Reisefestivals in Judenburg seine ?Velosophie? ? und radelte gleich darauf bei tiefwinterlichen Bedingungen aufs Gaberl und den Zirbitz. Gerfried Wanker hat im Anschluss mit ihm gesprochen.
GW: Claude, du warst sieben Jahre lang ein ?Nomade auf Zeit?. Was war für dich das Faszinierende an deinem Langzeitreise? Die Freiheit, ein Fremder zu sein? Unterwegs zum Selbst? Ein neues Zeitgefühl entdecken? Den eigenen Rhythmus finden?
Das Schöne an meiner Fahrt war natürlich die Freiheit; aber auch die Gelegenheit, den Planeten Erde und die Menschheit in ihrer Vielfältigkeit mit meinen Augen und mit meinem Schweiß - und nicht durch Medien - zu erleben, so, wie ich es schon als Kind geträumt hatte. Man vergisst manchmal, dass die wirkliche Freiheit und der ganze Weltblick zuallererst in unserem eigenen Herzen liegen.
GW: Welchen Sinn, welche Bedeutung, hat deiner Meinung nach im 21. Jahrhundert für einen westeuropäische Menschen ein ?nomadisches Dasein??
Der Mensch ist überall in der Welt, in Realität oder auch nur in seinem Herzen, ein Nomade geblieben, das ist fast genetisch. Das Wort "Nomade" ist bei uns in den letzten Jahren in Mode gekommen. Man fühlt sich "trendig", wenn man beispielsweise eine mongolische Jurte kauft oder eine lange und/oder weite Reise realisiert. Der westliche Geist ist ganz nostalgisch in Hinblick auf ein "Eden? aus ferner Zeit. Gestern brachte der Mensch ein Tier von seiner Jagd zurück, heute bringt der Tourist Postkarten und Souvenirs zurück als unwiderlegbaren Beweis seiner "Abenteuer".
Wir ?exotieren?, wir idealisieren andere Lebensweisen, aber das nomadische Leben war und ist immer schwierig. Die nomadischen Mauren haben mir in der Sahara oft erfrischende Kamelmilch offeriert. Sie waren Nomaden von Geburt, Nomaden aus Notwendigkeit, "beruflich". Ich war im Vergleich dazu, für sieben Jahre, ein ?Luxusnomade, eine Nomade "aus Freizeit".
GW: Wie fühlt sich ein Nomade, wenn er nach langem Herumstreifen in seine Heimat zurückkehrt? War es schwierig, wieder sesshaft zu werden?
Reisen bedeutet: sich ständig an neue Situationen anpassen müssen. Insofern war meine Rückkehr in ein sesshaftes Leben nur eine weitere Adaptation. Ich hatte einerseits Angst, ?zu schnell zu bremsen?, wie ein irrläufiger Satellit aus meiner Bahn, von meinem Velo geworfen zu werden. Andererseits war ich aber ganz euphorisch, meine Eltern, meine Kindheitsfreunde und die Ecke der Erde, in der ich geboren bin, wiederzusehen, wiederzufühlen. Nach meinem feiwilligen Exil war die Wiederentdeckung meines eigenen Landes etwas sehr Exotisches und Fröhliches. Durch die Niederschrift meiner Erlebnisse konnte ich all meine Emotionen auf Papier deponieren. Direkte Kontakte mit Lesern und Publikum bei Vorträgen haben mir geholfen, wieder meinen Platz in unserer Gesellschaft zu finden.
GW: Klar, dass sich zurückblickend einiges verklärt. Trotzdem eine dir sicherlich oft gestellte Frage: Welche 3 Länder haben für dich am meisten an Erfahrung gebracht, wo war es am Schönsten?
Die Begegnung mit jedem Land, mit jedem Menschen, lehrt uns etwas. Die Berge sind Teil meiner Kultur und meines Leben. Darum hat mir Tibet fasziniert. Indien war für mich schon 1988 meine Entdeckung des Orients. Wie so oft im Leben ist die erste Erfahrung, die erste Liebe, die einprägsamste. Und die Schweiz mag ich einfach, weil ich durch Zufall dort geboren wurde!
GW: Deine extremste Grenzerfahrung?
Das Wort "extrem" verkauft sich bei uns beinahe so gut wie "Nomade" .Auch wenn es ihm gar nicht gefällt: Der Mensch selbst ist, realistisch betrachtet, der Maßstab von Nichts. Ich könnte zum Beispiel sagen: Die Winterdurchquerung von Kyrkystan, die westliche Tibetdurchquerung waren "extrem", aber ich glaube, dass meine Reise in sich selbst extrem war: Als Gegensatz zu einem sogenannten "normalen" Leben übermäßig viel Zeit haben, die Langsamkeit auf zwei Rädern entdecken.
Dein Fahrrad ? oder dein "Yak", wie du es nennst - hat keinen Rückwärtsgang - du sicherlich auch nicht. Was sind deine nächsten (Lebens-)Ziele? Wird es vielleicht sogar "velosophische" Fahrradtouren unter der Leitung von Claude Marthaler geben?
Es ist und bleibt für mich eine Schwierigkeit, Projekte auf lange Zeit zu planen. Dieses Jahr werde ich 1000 km durch die Schweiz radeln und dabei 10 Mal meinen Diavortrag zugunsten der Clown Doctors (www.theodora.org) präsentieren. Im Juni radle ich von Genf nach St. Petersburg und zeige dort ebenfalls meinen Vortrag. Im Oktober soll mein zweites Buch (dieses Mal ein fotographisches Buch mit ?velosophischer Schrift?) erscheinen.
Ich war nie gut darin, etwas zu leiten. Ich möchte eher ?geopoetisch? sein, durch das Zeugnis der Welt
auf zwei Rädern anregen, dass das innere Feuer in den Menschen wach bleibt oder zu brennen beginnt. Ich träume davon, eine "Vélocithèque" zu schaffen: ein Fahrrad-Kultur-Zentrum. Bis jetzt ist es einen Traum. Bis wann? Das ist eine andere Frage....
Buchtipp:
?Durchgedreht? von Claude Marthaler ist 2002 im Reise-Know-How-Verlag erschienen. Bücher mit Widmung können auch direkt beim Autor unter yak83@hotmail.com bestellt werden. Weitere Infos zum Autor: www.redfish.com/yak, www.songwheels.com
