Sri Lanka: Von Meeresmeditation und Weltkultur - 1000 Segnungen und ein 65. Kamasutra
Wenn das Fernweh nicht mehr auszuhalten ist ? und deine Frau ihr Einverständnis gibt - , dann heißt es: nichts wie weg. Zum Beispiel nach Ceylon in Südasien.
Ein Jahr ist es her. Da war an dieser Stelle eine Geschichte vom Sinai zu lesen. Martina, meine Frau, war zu der Zeit im siebten Monat schwanger. Wir schritten gemeinsam die gut 3700 Stufen vom Katharinenkloster zum Mosesberg hoch. Berührt von der Spiritualität dieser Landschaft konnten wir uns die Namen Katharina und Moses gut vorstellen. Geworden ist es in Folge eine - absolut süße - Jana Katharina, quietschvergnügt und gerade die Welt entdeckend.
Zwölf Monate ist sie alt: Unserer Ansicht nach noch ein klein wenig zu klein für eine Weltreise. Da muss sie noch ein Jahr warten. Doch das Reisefieber hat wieder zu brennen begonnen. Unruhe macht sich breit. Der Ruf der Ferne wird stärker.
Martina spürt es ? und willigt ein: ?Bevor du uns auf die Nerven gehst, nimm lieber Auszeit.? - Mal ehrlich: So eine Frau triffst du nicht alle Tage, die dich alleine ins tropische Paradies fahren lässt ?
Sri Lanka, Februar 2004. ?Standing on the beach, staring at the sand?. Die Kultband ?The Cure? hätte ihre Freude damit. Alles reduziert sich auf klare Strukturen. Vorne der Sand: golden braun. Oben der Himmel: sanftes Blau. Unten das Meer: mal tiefblau, mal türkis. Dazwischen: der Horizont. Die Komplexität der Welt heruntergebrochen auf zwei blaue Felder.
Du schaust hinaus. Unendliche Ferne. Alles ist einfach. Du wirst ruhig. Nebelhaft dringt das Rauschen der Brandung zu deinem Hinterkopf vor. Der Geist wird frei. So frei. Die Füße im warmen Sand. Sonne auf der Haut. Tiefes Wohlgefühl. Du bist wie neugeboren. Beruf, Alltag ist weg. Festplatte gelöscht. Bereit, wieder neu beschrieben zu werden.
Zum Praktizieren der Meeresmeditation bestens geeignet: die Südküste von Sri Lanka. Zum Beispiel das verschlafene Stranddörfchen Mirissa. Eine grandiose Sandbucht, palmengesäumt. Noch weiter östlich: Tangalla. Kilometer für Kilometer weißer Sand. Kaum ein Mensch zu sehen ? geschweige denn ein Tourist. Vor dem kleinen Bungalow am Strand baumelt die Hängematte. Ein kühles Bier, ein Teller voller Krabben. Auszeit.
Rückblende: Im Zug von Judenburg zum Flughafen nach Wien. Gegenüber sitzt eine blinde Frau. Sie war eine Frühgeburt. Wir sprechen von meiner Reise. Auch sie war auf Sri Lanka. Sie erzählt von Sigiriya. Es ist der ?Ayers Rock? der Insel, ein spektakulärer roter Felsen, 200 Meter hoch. Auf dem Gipfelplateau steht ein 2000 Jahre altes Königsfort. Die Fresken der ?Wolkenmädchen? auf halbem Weg nach oben sind weltberühmt. Die sehbehinderte Frau ist die vielen Leitern, Stufen, in den Fels gehauenen Pfade emporgestiegen. Sie gibt ihre Eindrücke wieder. Ich bin fasziniert, was an Sinneswahrnehmung alles möglich ist. Und freue mich darauf, den Felsen als ?Sehender? erleben zu dürfen.
Er ist atemberaubend. Die Felswand fällt senkrecht ab. Wie sind die Menschen da vor Jahrtausenden raufgekommen? Weit unten undurchdringliches Grün. Dickicht, Dschungel, Regenwälder. Das ist die Zentralregion von Sri Lanka, mit ihren vielen alten Städten und Höhlentempeln. Pollonaruwa, Anuradhapura, Dambulla und Sigiriya sind Unesco-Weltkulturerbe ? Denkmäler und steinerne Zeugen der hier erfolgten Ausprägung des Theravada-Buddhismus.
Was es sonst noch zu berichten gibt? Es stimmt: In Ceylon gibt es Tee. Jede Menge. Grüne Plantagen, malerisch, nicht enden wollend. Gerüchten zufolge heißt der Tee Ceylon-Tee. - 1000 Segnungen eines Mönches (die gehen zwar ins Geld, aber sie wirken; angeblich ?). - Kandy (über das schon Hermann Hesse in ?In Indien? begeistert schrieb), seine Feuertänzer und der Zahn des Buddha. - Sowie eine eindrucksvolle Demonstration des 65. Kamasutra (jene Stellung, die in Sri Lanka erdacht wurde). Damit keine falschen Gedanken aufkommen: Sie wurde nur symbolisch ? und nicht am eigenen Leibe demonstriert ?
gerfried wanker-tiffner
