SEIN TRAUM VON INDIEN: Alleine im Rollstuhl zu der Quelle des Ganges
Dies ist die Geschichte eines Menschen, der trotz eines schweren Motorradunfalls nicht die Lust am Leben - und am Reisen - verlor. Andreas Pröve erfüllte sich einen persönlichen Traum - und fuhr im Rollstuhl 2700 km bis zur Quelle des Ganges im Himalaja.
Es ist Gründonnerstag, 1981. Der Wetterbericht verspricht ein sonniges Osterwochenende. "Dann bis Dienstag", verabschiedet sich Andreas Pröve von seinen Arbeitskollegen und schnappt sich seine Lederjacke. Zwei Stunden später ist er auf seiner Yamaha unterwegs, Richtung Nürburgring.
Am Karfreitag geht er zum letzten Mal eine Treppe hinunter, setzt sich zum letzten Mal auf sein Motorrad, spürt zum letzten Mal seine Beine. Eine Autobahnauffahrt, eine Hundertachtziggradkurve, die leicht ansteigt. Extreme Schräglage, das Spiel mit Fliehkräften und Geschwindigkeit, es ist immer wieder eine Herausforderung. Nur für Sekundenbruchteile nimmt das Auge den feinen Sand auf der Straßenoberfläche wahr, viel zu spät, um darauf reagieren zu können. Das Vorderrad bricht aus, alles gerät außer Kontrolle. Der Rest läuft ab wie im Film. Aufprall, es wird dunkel.
Er liegt hinter der Leitplanke, schaut in den blauen Himmel. Gut, denkt er, du lebst ja noch. Schmerzen auch keine - also noch mal Glück gehabt. Er will aufstehen, doch da ist etwas mit den Beinen. Die existieren nicht mehr, jedenfalls sind sie nicht mehr zu spüren. Schlagartig wird ihm bewusst, dass dieser Tag sein Leben verändern wird.
Diagnose: Paraplegie ab TH 7/8, querschnittsgelähmt. An der Wand im Krankenzimmer hängt eine Fotocollage. Bilder von seiner ersten Indienreise. Wenn die Augen geschlossen sind, tauchen die Eindrücke wieder auf: das indische Verkehrsgewühl, klingelnde Rikschas, der Geruch der Räucherstäbchen .....
Dieser "Rolli" ist ein Straßenflitzer. Jeder überflüssige Millimeter ist abgesägt. Jedes Gramm Gewicht gespart, alles auf die Körpermaße abgestimmt. Weg mit den Schutzblechen, weg mit einer der Bremsen. Das Handbike hat eine Nabenschaltung für sieben Gänge. Mit Hilfe von zwei Wagenhebern können Reifenpannen behoben werden, ohne den Rollstuhl zu verlassen. Er ist gleichzeitig Wohnzimmer, Küche, Reparaturwerkstatt, Toilette. Platz gibt's für zehn Kilo Gepäck und fünf Liter Wasser. Wir schreiben das Jahr 1998.
Dum Dum Airport, Kalkutta. "Haben Sie Freunde, die Sie abholen", fragt die freundliche Stewardess. "Nein, ich werde nicht abgeholt". Jetzt ist sie still. Was mag sie wohl denken? Rollstuhlfahrer müssen doch abgeholt werden. Die werden immer abgeholt!
"Taxi, Taxi". - Nach zwei Stunden Stadtverkehr: der Ganges! Das Abenteuer beginnt - mit einem heiligen Bad. Der Rollstuhl steht halb unter Wasser, gerade der Kopf ragt noch heraus. Bilder, die den Titel "Anleitung zum Selbstmord" tragen könnten.
Unterwegs auf der Landstraße. Der dichte Verkehr verlangt höchste Aufmerksamkeit. Hier herrschen die Gesetze des Dschungels. Rücksicht gibt es keine. Ständig müssen die Fähigkeiten entgegenkommender Truckdriver eingeschätzt werden. Ansonsten bleibt nur die Flucht in den Graben. Scharen von Kindern, johlend, aufgeregt, an jedem Dorfeingang. Einige rotzfrech, begrapschen den Fahrer, blockieren die Weiterfahrt. Andreas fühlt sich wie ein Käfer im Ameisenhaufen. Erst wenn der Ort durchquert ist, herrscht wieder Ruhe. Die letzten werfen ein paar Steine nach....
Zwei streunende Hunde jagen dem Rollstuhl hinterher. Fletschende Zähne, das Wettrennen geht gnadenlos verloren. Was kann Schlimmeres passieren, als ein Hundebiss in die letzten funktionierenden Gliedmaßen. Da bleibt nur übrig, mit dem Knüppel ohne Skrupel nach rechts und links zu schlagen.
Es geht bergab, freihändig. Vielleicht ist die Geschwindigkeit zu hoch, vielleicht ist das Schlagloch zu tief. Der Rolli kracht ins Loch, ein ungeheurer Knall, das linke Rahmenrohr ist gebrochen. - Hauptsache, man lebt. Langsamer reisen als zu Fuß, das ist nur mit einem indischen Ochsenkarren möglich. Mit dem geht's jetzt ab zur nächsten Werkstatt.
Die Steigungen sind mörderisch. Schneckentempo. Nach zehn Stunden Kurbelei wird keuchend das El Dorado der Yogafans aus aller Welt erreicht: Rishikesh. Doch jetzt ist die Luft draußen. Ohne Hilfe geht nichts mehr. Einige Erdrutsche sind niedergegangen, die Quelle des Ganges liegt in über 4000 Metern Höhe, in Eis und Schnee. Sechs Sherpas tragen Gepäck, Rollstuhl und Andreas (er wiegt immerhin 75 Kilo) über Geröll, Felsbrocken und Muren den Berg hoch. An Felskanten wird Andreas mit Seilen hochgezogen.
Eine Woche später. Der Anblick verursacht Magenkribbeln: Majestätisch erhebt sich der 7000 Meter hohe Baghirati-Gipfel gegen den blauen Himmel. Die Schönheit macht sprachlos - Sherpas und Andreas liegen sich jubelnd in den Armen. Während er schaukelnd über das steinige Flussbett getragen wird, steht ihm jedoch glasklar vor Augen: Den Wert einer Reise macht nicht das Ziel aus, sondern der Weg dorthin.
gw
